Verfahren wegen Beihilfe zum Mord im KZ Stutthof vor dem Landgericht Itzehoe

Anklage wegen Beihilfe zum Mord im KZ Stutthof vor dem Landgericht Itzehoe erhoben

Vermutlich letztes Strafverfahren wegen Verbrechen während des Nationalsozialismus gegen eine ehemalige Schreibkraft aus KZ Stutthof

Rechtsanwalt für Nebenklage im Stutthof-Verfahren

Verbrechen gegen die Menschlichkeit im KZ Stutthof

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe in Schleswig-Holstein hat eine ehemalige Sekretärin und Stenotypistin des Kommandanten des KZ Stutthof im heutigen Polen wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Die Angeklagte soll zwischen Juni 1942 und April 1945 durch ihre Tätigkeit die Morde in dem Lager unterstützt haben. Zu unzähligen versuchten Morden soll sie Beihilfe geleistet haben. Die Angeklagte hat ihre Tätigkeit für den Lagerkommandanten Paul Werner Hoppe zugegeben, behauptet aber, von den Morden während ihrer Tätigkeit nichts mitbekommen zu haben. Die Staatsanwaltschaft hält diese Einlassung für unglaubwürdig, da der Arbeitsplatz der Angeklagten in der Kommandantur, welche direkt vor dem Haupteingang zum Konzentrationslagers lag.

Wird das Hauptverfahren vor dem Landgericht Itzehoe eröffnet?

Nachdem die Staatsanwaltschaft von der Verhandlungsfähigkeit der Angeklagten ausgeht, wurde Anklage vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts Itzehoe erhoben, da die Angeklagte während des Tatzeitraums Heranwachsende war. Das Landgericht entscheidet nun über die Zulassung der Anklage und die Eröffnung des Hauptverfahrens in dem vielleicht letzten Verfahren über Verbrechen im KZ Stutthof.

Die juristische Dimension des Strafverfahrens

Das Verfahren könnte eine Antwort auf Frage geben, wo und wie das Hilfeleisten bzw. die Beihilfe zu einer Straftat noch möglich ist. Die Frage der Verantwortlichkeit einer Sekretärin wurde bereits im Vorfeld des Verfahrens von Juristen kontrovers diskutiert. Das KZ Stutthof war für die besondere Grausamkeit im Lager bekannt.

Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät

Im KZ Stutthof wurden trotz seiner geringen Größe zwischen 1939 und 1945 circa 65.000 Menschen ermordet. Erst 2020 hat die Jugendstrafkammer des Landgerichts Hamburg unter Vorsitz der Vorsitzenden Richterin Anne Meier-Göring einen ehemaligen SS-Wachmann im KZ Stutthof wegen Beihilfe zum Mord in 5.232 Fällen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Der Judenmord von Neustadt in Holstein

Durch einen Beweisantrag des Nebenklagevertreters Salvatore Barba aus München wurde das sog. Massaker von Neustadt in Holstein im Mai 1945 zur Sprache. Die Staatsanwaltschaft hatte die Taten von Neustadt als wenig relevant betrachtet und sich vielmehr auf die Taten, welche im KZ Stutthof begangen wurden, konzentriert. Im Laufe der Verhandlung stellte sich dann jedoch heraus, dass der Angeklagte wohl am 3. Mai 1945 in Neustadt in Holstein vor Ort war, als tausende KZ-Insassen auf der „Cap Arcona“ und am Strand von Pelzerhaken den Tod fanden. Überlebende Insassen des KZ Stutthof gab es danach nur noch wenige.

Historische Aufarbeitung der NS-Verbrechen durch das Landgericht Hamburg

Obwohl Nebenklagevertreter und Verteidigung zunächst gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe eingelegt haben, ist das Urteil durch Rücknahme der Revisionen im August 2020 rechtskräftig geworden. Das Landgericht bemühte sich damals um eine historische Aufarbeitung der durch die Nationalsozialisten begangenen Taten. Viele ehemalige Insassen des KZ Stutthof wurden im Rahmen des Verfahrens gehört. Aufgrund der Versäumnisse der deutschen Justiz bis ins Jahr 2011, sah man sich zurecht dazu verpflichtet. Man könnte vermuten, dass das auch der Grund war, wieso das Landgericht Hamburg die Kosten der Nebenkläger der Staatskasse auferlegte. Eine solche Entscheidung ist bei einer Verurteilung auch in einer Jugendstrafsache ungewöhnlich, wenn der Verurteilte Vermögen hat und eine Rente bezieht. Der Verurteilte hatte nur die Kosten seiner Verteidigung zu tragen.

Mord durch Zwangsarbeit im KZ

Die historische Dimension der Entscheidung des Landgerichts ist enorm, zumal das erste Mal ein deutsches Gericht in der deutschen Nachkriegsgeschichte rechtskräftig festgestellt hat, dass die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern die Insassen durch die Zwangsarbeit ermorden wollten. Das KZ Stutthof war ein klassisches Arbeitslager, in dem man die Insassen so lange ausbeutete, bis sie zum arbeiten zu schwach waren. Dann wurde sie in der Regel in der Gaskammer getötet.

Nebenklage im Itzehoer Stutthof-Verfahren möglich

Der erhobenen Anklage können sich ehemalige Insassen des KZ Stutthof sowie Angehörige von ehemaligen Insassen, die in Stutthof während des Zeitraums Juni 1942 und April 1945 getötet wurden als Nebenkläger anschließen.

Rechtsanwalt Salvatore Barba vertritt gerne auch in dem Verfahren vor dem Landgericht Itzehoe Überlebende des KZ Stutthof sowie Angehörige von getöteten Insassen als Nebenklagevertreter. Für Nebenkläger entstehen keine Kosten. Für nähere Informationen kontaktieren Sie uns hier.

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